Das Thema Sprache hat mich schon immer fasziniert. Vielleicht auch deshalb, weil ich im Laufe meines Lebens immer wieder erfahren habe, wie sehr uns die Worte fehlen können für das, was wir fühlen, erleben oder verstehen möchten.
Vor einigen Tagen saß ich wieder einmal im Zug auf dem Weg von Würzburg nach Penzberg. Inzwischen gehören diese Fahrten fast zu meinem Alltag. Früher hätte ich mehrere Stunden Zugfahrt vermutlich als verlorene Zeit betrachtet. Heute sind sie oft ein Raum geworden, in dem Gedanken auftauchen dürfen, die im Alltag keinen Platz finden.
Während draußen Felder, Wälder und kleine Ortschaften vorbeizogen, hörte ich die Podcastfolge von Hotel Matze mit Dr. Sheila de Liz. Es ging um Beziehungen auf Augenhöhe, um Sexualität, um die Veränderungen, die viele Frauen und Männer in der Lebensmitte erleben, und um die Frage, warum es so wichtig ist, über diese Themen zu sprechen.
Je länger ich zuhörte, desto mehr bemerkte ich, wie viele ihrer Gedanken in mir nachhallten. Manche berührten Erfahrungen, die weit zurückliegen. Andere erinnerten mich an Prozesse, die mich in den letzten Jahren intensiv begleitet haben. Und wieder andere führten mich zu einer Erkenntnis, die vermutlich den Kern dieses ganzen Weges beschreibt:
Was keine Sprache hat, kann sich kaum entwickeln.
Vielleicht war genau das lange Zeit mein größtes Thema. Nicht Sexualität selbst. Sondern die Sprachlosigkeit darum.
Wenn die Sprache fehlt
Wenn ich auf meine eigene Jugend zurückblicke, erinnere ich mich weniger an Gespräche über Sexualität als an das Fehlen dieser Gespräche. In meiner Familie wurde darüber nicht gesprochen. Mit Freundinnen habe ich kaum darüber gesprochen. Und so blieb vieles allein mit mir.
Hinzu kam, dass meine ersten sexuellen Erfahrungen für mich mit Schmerzen verbunden waren. Heute weiß ich, dass viele Frauen ähnliche Erfahrungen machen. Damals hatte ich dafür weder Worte noch Orientierung.
Wichtig ist mir dabei zu sagen, dass es hier nicht um Übergriffigkeit oder Missbrauch geht. Wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke, erkenne ich vielmehr, wie wenig Verbindung ich damals zu meinem eigenen Körper hatte. Ich wusste nicht, wie viel Zeit mein Körper eigentlich gebraucht hätte. Ich konnte meine Grenzen kaum wahrnehmen und noch weniger aussprechen. Und ich hatte keine Sprache dafür, was sich richtig anfühlte und was nicht.

Scham macht leise
Vieles entstand aus Unwissenheit – auf beiden Seiten. Auch die jungen Männer hatten oft keine Orientierung dafür, was weibliche Sexualität tatsächlich braucht. So entstand etwas, das vermutlich viele Menschen kennen: Man macht Erfahrungen, bevor man überhaupt gelernt hat, sich selbst wirklich wahrzunehmen.
Rückblickend erkenne ich, wie stark Scham damals mein Erleben geprägt hat. Scham macht leise. Sie verhindert Fragen. Sie verhindert Austausch. Und oft verhindert sie sogar die eigene Wahrnehmung.
Vielleicht war das auch der Grund, warum ich dieses Thema irgendwann weitgehend zur Seite geschoben habe. Das Leben ging weiter. Es kamen andere Aufgaben, andere Verantwortungen, später die Kinder. Sexualität wurde nicht bewusst ausgeschlossen, aber sie verlor ihren Platz als etwas, das neugierig betrachtet oder erforscht werden wollte.
Rückblickend glaube ich heute, dass nicht nur die Scham dazu beigetragen hat. Es waren auch die Lebensumstände. Kinder, Verantwortung, Alltag und die vielen Anforderungen dieser Jahre lassen oft wenig Raum für die eigene Wahrnehmung. Im Podcast beschreibt Sheila de Liz sehr treffend, dass genau diese Lebensphase für viele Paare herausfordernd sein kann. Nicht weil etwas falsch läuft, sondern weil die Aufmerksamkeit über viele Jahre auf ganz andere Dinge gerichtet ist.
Interessant fand ich im Podcast auch die Beschreibung der sogenannten sexuellen Seele. Sheila de Liz spricht darüber, dass Sexualität weit mehr ist als Körperlichkeit oder Funktion. Dass sie etwas mit Lebendigkeit, Verbindung, Vertrauen und unserer Beziehung zu uns selbst zu tun hat. Während ich ihr zuhörte, wurde mir bewusst, dass genau dieser Zugang mir lange gefehlt hatte.
Vielleicht ist das überhaupt eines der größten Probleme vieler Frauenthemen. Es gibt Erfahrungen, die gemacht werden. Gefühle, die gespürt werden. Unsicherheiten, die da sind. Aber oft fehlen die Worte dafür. Und was keine Sprache hat, bleibt häufig im Verborgenen.
Als ich beschloss, nicht mehr wegzuschauen
Erst viele Jahre später begann sich daran etwas zu verändern. Die Begegnung mit meinem heutigen Mann war dabei der wichtigste Teil des Weges. Nicht, weil er Antworten für mich hatte, sondern weil er eine andere Offenheit mitbrachte. Er hatte sich bereits viele Jahre mit Beziehung und Sexualität beschäftigt und war neugierig geblieben.
Das war für mich zunächst durchaus herausfordernd. Denn plötzlich wurde sichtbar, wie wenig Sprache ich selbst für viele dieser Bereiche entwickelt hatte. Gleichzeitig spürte ich sehr deutlich, dass ich die Verantwortung dafür nicht an jemand anderen abgeben wollte. Nicht an einen Partner. Nicht an Expertinnen. Nicht an Bücher.
Wenn ich diesem Thema begegnen wollte, dann musste ich selbst beginnen, es zu erforschen. In meinem Tempo. Mit meinen Fragen.
Der eigentliche Einstieg geschah fast zufällig. Mein Mann wollte damals ursprünglich eine Tantra-Lehrer-Ausbildung machen. Durch eine Kursabsage entstand eine Gutschrift, die schließlich dazu führte, dass wir gemeinsam an einem Seminar teilnahmen, das Tantra und Familienaufstellungen miteinander verband.
Wenn ich heute daran zurückdenke, muss ich schmunzeln. Damals dachte ich noch, dass das vermutlich wenig mit Körperlichkeit und Nacktheit zu tun haben würde. Familienaufstellungen kannte ich schließlich aus einem ganz anderen Kontext.
Ich habe mich geirrt.
Für mich war es ein direkter Einstieg in Themen wie Scham, Sichtbarkeit, Körperlichkeit und Berührung. Gleichzeitig erinnere ich mich daran, wie viel ich dort geweint habe. Nicht aus Traurigkeit, sondern weil etwas in Bewegung kam. Alte Erfahrungen. Alte Gefühle. Alte Tränen.
Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass ich diesem Thema nicht länger ausweichen wollte.
Aus diesem ersten Seminar entstand später ein Paar-Jahrestraining. Parallel dazu entschied ich mich für ein Frauen-Jahrestraining bei derselben Kursleiterin. Rückblickend weiß ich, dass beide Entscheidungen miteinander verbunden waren.
Im Paartraining ging es um Beziehung, Grenzen, Kommunikation, Selbstverantwortung und die Frage, wie wir Nähe gestalten. Es ging darum, die Verantwortung für die eigene Lust nicht beim Partner abzuladen. Es ging darum, Bedürfnisse wahrzunehmen und auszusprechen. Und darum, zu erkennen, wie viele alte Verletzungen und Muster oft unbemerkt in Beziehungen weiterwirken.
Im Frauentraining begegnete ich noch einmal anderen Themen. Dort ging es um Weiblichkeit, Scham, Vertrauen und die Erfahrung, mich in einer Gruppe von Frauen sicher zu fühlen. Etwas, das ich so zuvor noch nicht erlebt hatte.
Gleichzeitig wurde mir immer deutlicher, dass es bei all diesen Übungen eigentlich um etwas sehr Einfaches ging: wieder wahrzunehmen, was im eigenen Körper geschieht. Zu spüren, was sich stimmig anfühlt. Zu erkennen, wo Grenzen liegen. Und den Mut zu entwickeln, diese Grenzen auch auszusprechen.
Je tiefer ich in diese Prozesse eintauchte, desto deutlicher wurde mir, dass viele dieser Themen nicht nur persönliche Themen sind. Sie betreffen Generationen von Frauen. Nicht, weil jede dieselbe Geschichte erlebt hätte. Sondern weil bestimmte Erfahrungen, Unsicherheiten und Tabus über lange Zeit kaum besprochen wurden.
Warum ich diesen Weg auch für meine Töchter gehe
Dabei wurde mir immer klarer, dass meine eigentliche Motivation auf diesem Weg nicht Perfektion war. Auch nicht Heilung als irgendein Endzustand. Es war etwas anderes. Ich habe zwei Töchter, und irgendwann wurde mir bewusst, dass alles, worüber wir nicht sprechen können, auch nur schwer bewusst gestaltet werden kann.
Was keine Sprache hat, kann sich nicht entwickeln.
Ich wünsche mir nicht, dass meine Töchter dieselben Erfahrungen machen wie ich. Aber ich wünsche mir, dass sie Fragen stellen dürfen. Dass sie über ihren Körper sprechen können. Dass sie ihre Grenzen spüren lernen. Dass sie ihre Bedürfnisse ernst nehmen. Und dass Sexualität nicht automatisch mit Scham verbunden sein muss.
Vielleicht ist genau das der Unterschied, den ich mir wünsche. Nicht perfekte Antworten. Sondern die Möglichkeit, überhaupt darüber sprechen zu können.
Auch Human Design hat mir auf diesem Weg eine weitere Perspektive eröffnet. Nicht als Erklärung für alles, sondern als Einladung, Unterschiede wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Je länger ich mich damit beschäftige, desto deutlicher wird mir, wie unterschiedlich Menschen Nähe, Intimität und Öffnung erleben.
Gerade für mich als Projektorin war das eine wichtige Erkenntnis. Lange Zeit habe ich bestimmte Eigenschaften eher als Hindernis betrachtet. Meine Langsamkeit. Meine Selektivität. Mein Bedürfnis nach Rückzug. Heute sehe ich vieles davon anders. Ich habe verstanden, dass Vertrauen für mich keine Nebensache ist, sondern oft die Voraussetzung dafür, mich überhaupt wirklich öffnen zu können.
Gleichzeitig merke ich, dass ich viele Fragen in diesem Bereich noch gar nicht abschließend beantworten kann. Vielleicht muss ich das auch nicht. Vielleicht geht es vielmehr darum, neugierig zu bleiben und die eigenen Erfahrungen immer wieder neu zu erforschen. Gerade deshalb zieht es mich immer wieder in Vertiefungen dieser Themen im Human Design. Nicht, weil ich glaube, dort die eine Antwort zu finden, sondern weil ich spüre, dass diese Fragen lebendig geblieben sind.
Wenn ich heute auf diese Zugfahrt zurückblicke, bleibt deshalb weniger ein konkreter Ratschlag zurück als eine Haltung. Die Erkenntnis, dass Entwicklung oft dort beginnt, wo wir beginnen, Worte zu finden. Worte für unseren Körper. Für unsere Bedürfnisse. Für unsere Grenzen. Für unsere Wünsche. Und manchmal auch für die Bereiche unseres Lebens, über die wir lange geschwiegen haben.
Vielleicht besteht Reifung nicht darin, auf alles eine Antwort zu haben. Vielleicht besteht sie darin, immer mehr bereit zu sein, mit Offenheit und Mitgefühl auf die eigenen Erfahrungen zu schauen und ihnen eine Sprache zu geben.
Denn was keine Sprache hat, bleibt oft im Verborgenen. Und was im Verborgenen bleibt, kann sich nur schwer verändern.
Vielleicht ist genau deshalb das Gespräch über diese Themen so wichtig. Nicht nur für uns selbst. Sondern auch für die Generationen, die nach uns kommen.
Ein achtsamer Moment für dich
Vielleicht magst du dir einen Moment Zeit nehmen und für dich nachspüren:
- Welche Themen in deinem Leben hatten lange keine Sprache?
- Wo spürst du heute den Wunsch, offener, ehrlicher oder neugieriger hinzuschauen?
- Und was würdest du einer jüngeren Version von dir selbst gerne mit auf den Weg geben?
Eine Einladung an Dich
Wenn du dich in diesen Themen wiederfindest, kann ein persönlicher Blick hilfreich sein. Oft reicht schon ein ruhiger, achtsamer Raum, um Zusammenhänge klarer zu sehen und sich selbst besser zu verstehen. In meiner Arbeit geht es nicht darum, etwas vorzugeben – sondern gemeinsam hinzuschauen, was sich für dich stimmig anfühlt. Wenn du magst, kannst du hier einen ersten Termin wählen oder in einem unverbindlichen Gespräch für dich prüfen, ob das gerade passt.
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