Menschlichkeit — das war das Wort, das nach dem Anhören einer Podcastepisode in der Bahn bei mir hängen geblieben ist, während ich die Kopfhörer noch in den Ohren hatte und zu schreiben begann. Es war ein Gespräch bei Hotel Matze mit Björn Süfke, Männerpsychologe und -berater, und es ging um das männliche Dilemma, um toxische Männlichkeit, um das, was Männern von klein auf abtrainiert wird — und was das mit uns allen macht. Ich hatte kurz zuvor bereits über das Thema Sprache und Scham bei Frauen geschrieben — und jetzt saß ich erneut im Zug und hörte gespannt über die andere Seite der gleichen Medaille. Und bereits von Beginn des Gesprächs an merkte ich, dass da vieles auftauchte, was ich in meiner Arbeit immer wieder beobachte und worüber ich noch nicht wirklich geschrieben habe.
Was mir in meiner Arbeit auffällt
Wenn ich auf meine Human Design Termine schaue, dann sind es überwiegend Frauen, die kommen. Das ist keine Klage und keine Bewertung — es ist eine Beobachtung, die ich schon lange mit mir trage. Und gleichzeitig erlebe ich immer wieder, wie mir das Herz aufgeht, wenn Männer dabei sind. Manchmal in Paargesprächen, manchmal als Einzelpersonen — und dann fast immer Menschen, die bereits einen längeren inneren Weg hinter sich haben, die schon eine Weile mit sich unterwegs sind, bevor sie zu mir kommen.
Was mich dabei beschäftigt, ist diese Paradoxie: Ra Uru Hu, der Begründer von Human Design, war ein Mann. Peter Schöber, der bekannteste Vertreter im deutschsprachigen Raum und Leiter meiner IHDS Professional Ausbildung, ist ein Mann. Das System wurde von Männern entwickelt und in die Welt getragen — und trotzdem sind es überwiegend Frauen, die sich dafür öffnen, die kommen, die fragen. Das ist kein Zufall, und es hat nichts damit zu tun, dass Männer weniger interessant wären oder weniger tief. Es hat damit zu tun, was Männern von klein auf beigebracht wird.

Was von Anfang an abtrainiert wird
Björn Süfke beschreibt im Podcast etwas, das mich wirklich nachdenklich gemacht hat: Mit männlichen Babys wird von Geburt an weniger gesprochen als mit weiblichen. Das ist keine Einzelbeobachtung, das ist empirisch belegt. Von Stunde eins an wird Jungen unbewusst vermittelt, dass Sprache, Ausdruck, das Benennen von Innerem nicht so wichtig ist. Und das setzt sich fort, durch Kindheit, Schule, Männergruppen, Berufsfelder, durch all die kleinen und großen Momente, in denen Hilflosigkeit abgewehrt wird, weil sie im Bild von Männlichkeit schlicht keinen Platz hat.
Ein Mann weiß immer weiter — und wenn er sich verfahren hat, dann sucht er noch, er hat sich nicht verfahren.
Das ist nicht nur ein witziges Klischee. Das ist ein Muster, das tief sitzt und echte Konsequenzen hat. Männer warten im Durchschnitt siebzig Monate, nachdem Probleme aufgetreten sind, bevor sie sich Hilfe holen. Bei Frauen sind es acht Monate. Siebzig gegen acht — das ist kein kleiner Unterschied, das ist ein struktureller. Er entsteht nicht, weil Männer weniger leiden, sondern weil Hilflosigkeit für sie mit etwas verbunden ist, das sich anfühlt wie eine Bedrohung der eigenen Identität.
Alle Gefühle außer Ärger werden in der traditionellen Männlichkeit abgewehrt — der Ärger darf bleiben, der gehört dazu. Alles andere, Trauer, Angst, Unsicherheit, Sehnsucht, wird dahinter versteckt oder gar nicht erst zugelassen. Alles, was mit Weiblichkeit assoziiert wird — Fürsorge, Verletzlichkeit, das Zugeben von Nicht-Wissen — wird aktiv abgelehnt, oft vom gleichen Geschlecht am stärksten bestraft. Sei auf keinen Fall ein Mädchen. Das lernen Jungen früh, und sie lernen es gründlich.
Statussymbole werden in diesem System zu Beweisen. Auto, Beruf, Leistung, Sexualität — das sind keine Ausdrücke von Freude oder Identität, sondern TÜV-Plaketten, die immer wieder neu verdient werden müssen, weil die Angst mitschwingt, dass die Geschlechtsidentität sonst entzogen wird. Ich kann nicht gleichzeitig alles im Griff haben und Gefühle zeigen — dieser Satz aus dem Podcast hat mich wirklich getroffen, weil er so klar benennt, wie eng dieser Rahmen ist, in dem viele Männer sich bewegen.
Was ich aus der Nähe beobachte
Ich lebe nicht nur als Beobachterin dieses Themas — ich lebe mittendrin. Der Mann an meiner Seite steht sehr bewusst für Feminismus ein, reflektiert Sprache, hinterfragt Strukturen. Und gleichzeitig sehe ich, wie komplex das ist, wenn man als Mann ohne männliches Vorbild aufgewachsen ist, ohne Vater, mit einem Stiefvater, der Alkoholiker war, ohne jemanden, der hätte zeigen können, wie Männlichkeit auch aussehen kann.
Was dann manchmal passiert, ist ein Wechsel ins andere Lager — raus aus der traditionellen Männlichkeit, rein in die Rolle des Frauenverstehers, des Verbündeten, des Mannes, der es anders macht. Ich sage das ohne jede Abwertung, weil ich diesen Weg verstehe und weil er in vielem aufrichtig ist. Aber manchmal steckt darin auch eine Form von Hilflosigkeit, die sich anders verkleidet — ein Ausweichen vor der eigenen Geschlechtsidentität, weil die Vorbilder dafür gefehlt haben, weil das, was Männlichkeit hätte bedeuten können, zu sehr mit Schmerz verbunden war. Man wechselt in ein Lager, wo Gefühle erlaubt sind, wo man nicht kämpfen muss um Zugehörigkeit — und findet sich auch dort nicht ganz wieder, weil man in der eigenen Gruppierung keinen Platz findet, der sich wirklich stimmig anfühlt.
Und dann kommt, fast zwangsläufig, wieder das Thema des Versagens. Wenn Leistung und Statussymbole die einzigen vertrauten Beweise für den eigenen Wert waren und man durch Bewusstseinsarbeit anfängt, diesen Mechanismus zu durchschauen — dann kann daraus so etwas wie eine eigene Sabotage entstehen, ein Rauskippen aus dem System, ohne zu wissen, wo man landet.
Was Süfke beschreibt und was ich in meinem Alltag bei meinem Mann immer wieder beobachte, ist dieses eine Muster: Wenn der Ärger kommt, steckt dahinter fast immer etwas anderes. Hilflosigkeit. Angst. Das Gefühl von Ungerechtigkeit oder Ohnmacht, das keinen anderen Ausweg findet als diesen einen, den das System erlaubt hat. Ich erlebe das in kleinen Momenten, in denen ich spüre, dass da etwas ist, das sich nicht zeigen kann, das sich stattdessen zusammenzieht — so ein Ins-Schneckenhaus-Kriechen, ein inneres Zumachen, das nicht mal durch Körpersprache begleitet sein muss. Es passiert unbewusst, automatisch, als Schutzreflex. Und dabei entsteht Distanz — wir verlieren uns in der Verbindung, in der Kommunikation, ganz ohne böse Absicht, einfach weil der Zugang zu dem, was wirklich da ist, gerade nicht offen ist. Ich freue mich jedes Mal, wenn dann doch etwas aufgeht, wenn sich Tränen lösen, eine Form von Berührbarkeit entsteht — weil ich weiß, wie viel es braucht, um dahin zu kommen.
Orientierungslosigkeit als Nährboden
Was mich besonders beschäftigt, ist der Zusammenhang zwischen Verunsicherung und dem, was gerade gesellschaftlich passiert. Wir leben in einer Zeit, in der sehr vieles gleichzeitig ins Wanken gerät — politisch, wirtschaftlich, technologisch, mit all den offenen Fragen rund um künstliche Intelligenz. Diese Unsicherheit und Volatilität trifft alle. Aber Verunsicherung ist eines der Gefühle, das in der traditionellen Männlichkeit am schwersten auszuhalten ist, weil es so nah an Hilflosigkeit ist, weil es das Gegenteil von Kontrolle ist.
Wenn Verunsicherung nicht ausgehalten werden kann, entstehen Abwehrmechanismen. Einer davon ist das Phänomen der Manosphere, dieser Rückzug in ein sehr patriarchales, sehr hartes Bild von Männlichkeit, das ein sehr toxisches Bild von Orientierung verspricht, auch wenn es alle Beteiligten einengt. Die Falle lautet: Ich identifiziere mich lieber mit einem traditionellen Männerbild als gar keine Orientierung zu haben — kein Zeichen von Stärke, sondern von Not. Gerade junge Männer, die in einer Welt aufwachsen, in der so vieles gleichzeitig in Bewegung ist, sind für genau diese Rückversicherungsstrategien besonders empfänglich. Süfke bringt es im Podcast auf den Punkt: Verunsicherung ist eigentlich ein Fortschritt — aber sie macht empfänglich für Strategien, die schnell wieder Boden unter den Füßen versprechen, auch wenn dieser Boden nicht trägt, sondern schadet.
Was Human Design und Achtsamkeit hier anbieten können
Genau hier kommt für mich der Punkt, an dem Human Design und Achtsamkeit wirklich etwas leisten können — nicht als Antwort auf die Frage, was ein richtiger Mann ist, denn diese Frage führt nirgendwo hin. Es geht nicht darum, ein neues positives Männlichkeitsbild zu konstruieren, das das toxische ersetzt. Es geht darum, die selbstgemachten Einschränkungen aufzulösen. Kraft ist Kraft — sie braucht kein Geschlecht. Zu reflektieren, zu spüren, das zu akzeptieren, was man sieht — das ist, wie Süfke es formuliert, ein Akt der Zärtlichkeit sich selbst gegenüber.
Human Design bietet dabei etwas, das ich für Männer besonders wertvoll halte: Es ist keine Therapie, keine konfrontative Aufforderung, sofort alles zu fühlen. Es ist eine logisch-mechanische Körpergrafik, die zeigt, wie du funktionierst — auf eine Art, die nicht wertet. Ich bin so. Das ist mein Design. Für Männer, die gelernt haben, sich selbst sehr hart zu beurteilen, bietet Human Design einen anderen Einstieg in das Thema Selbstmitgefühl — einen über das Verstehen statt über das Eingestehen von Schwäche, einen über das Erkennen von etwas, das schon immer da war, mit der Möglichkeit von Selbstwirksamkeit und Machbarkeit.
In Kombination mit Achtsamkeit entsteht daraus die Möglichkeit einer Innenschau, die nicht sofort überfordert, die nicht gleich das Gefühl erzeugt, die Kontrolle zu verlieren — sondern die langsam, in eigenem Tempo, Raum schafft für das, was da ist. Für Gefühle, die bisher hinter Ärger oder Leistung versteckt waren. Was es dafür zusätzlich braucht, sind echte Räume für eine neue Fehlerkultur, in denen Männer Erfahrungen machen und scheitern dürfen — nicht als Anekdote, die man später lustig verpackt, sondern wirklich: Ich wollte etwas und habe es nicht hinbekommen. Eine Kultur des echten Versagens, ohne die echtes Wachstum sehr schwer ist.
Was bleibt ist Menschlichkeit
Süfke sagt am Ende des Podcasts, dass es im Grunde um Menschlichkeit geht. Nicht um Männlichkeit oder Weiblichkeit, nicht um Feminismus oder Traditionalismus, sondern darum, was wir voneinander als Menschen fordern und was wir einander zugestehen. Geschlechterstereotype sind das Gegenteil von Freiheit — das gilt für Frauen genauso wie für Männer, auch wenn die Mechanismen unterschiedlich aussehen.
Ich schreibe das als Frau, die überwiegend mit Frauen arbeitet und die sich wünscht, dass mehr Männer den Weg finden — zu Human Design, zu Achtsamkeit, zu sich selbst, in welcher Reihenfolge auch immer. Was mir dabei wirklich am Herzen liegt, sind die Männer, die ihrer nächsten Generation vorleben können, dass Berührbarkeit keine Schwäche ist — die zeigen, dass man Gefühle haben und trotzdem für sich einstehen kann. Denn genau das ist es, was fehlt — keine neuen Bilder von Männlichkeit, sondern echte, lebendige Menschen, die zeigen, dass beides geht.
Ein achtsamer Moment für dich
Vielleicht magst du dir einen Moment Zeit nehmen und für dich nachspüren:
- Wo hast du zuletzt etwas gespürt, das du schnell wieder weggeschoben hast?
- Welche Gefühle durften in deiner Kindheit sein — und welche nicht?
- Was würde sich verändern, wenn du Hilflosigkeit nicht als Schwäche betrachtest, sondern als den Anfang von etwas Neuem?

