Von der Wissenschaft zum Human Design – wenn mir das vor einigen Jahren jemand gesagt hätte, hätte ich das vermutlich selbst nicht geglaubt. Zu weit auseinander erscheinen diese beiden Welten, wenn man sie von außen betrachtet. Und gleichzeitig erkenne ich heute, dass es in beiden immer um dasselbe ging: um Tiefe, um Muster, um das Verstehen unsichtbarer Zusammenhänge. Rückblickend wirkt vieles logisch – aber kaum etwas hat sich so angefühlt, während ich mittendrin war.
Die Suche nach Orientierung
Begonnen hat vieles vermutlich schon deutlich früher, aber ab 2018 begann mein innerer Prozess langsam Formen anzunehmen. Davor hatte ich bereits seit einigen Jahren Berührung mit dem Thema Achtsamkeit – inspiriert durch meinen damaligen Mann kam ich ab 2013 zum ersten Mal intensiver mit Meditation und innerer Beobachtung in Kontakt. Gleichzeitig war diese Zeit so stark geprägt vom Familienleben und dem Großziehen unserer Kinder, dass vieles davon eher im Hintergrund blieb. Ich hatte damals weder die inneren noch die äußeren Ressourcen, mich tiefer darauf einzulassen.
Irgendwann begann etwas in mir deutlicher anzuklopfen – eine immer stärker werdende Sinnkrise, ein Gefühl, nicht mehr zu wissen, woran ich mich eigentlich noch ausrichten sollte oder was mich wirklich ruft. In dieser Zeit begann ich auch den Austausch mit einem Zen-Meister, der mich über Einzelgespräche begleitete, und rückblickend waren diese Gespräche wahrscheinlich der erste Moment, in dem ich wirklich begonnen habe, mich selbst und meine Muster ernsthaft zu hinterfragen.

Leistung, Erschöpfung und der Wunsch nach Tiefe
Vielleicht muss man dazu sagen, dass ich ursprünglich viele Jahre in der Wissenschaft gearbeitet habe. Ich habe in Neurobiologie promoviert und anschließend mehrere Jahre als Postdoc in der Forschung gearbeitet, vor allem im Bereich der Neuroanatomie. Rückblickend finde ich es fast erstaunlich, dass sich mein damaliges Arbeiten schon so stark um das Analysieren von Verbindungen, Strukturen und Zusammenhängen gedreht hat – um Muster, um feine Verknüpfungen und darum zu verstehen, wie Dinge miteinander in Beziehung stehen. Vieles davon klingt heute fast wie eine Beschreibung meiner Arbeit mit Human Design.
Während der Familiengründung bin ich dann aus der Wissenschaft ausgestiegen und habe im Familienunternehmen meines damaligen Mannes im Bereich E-Commerce und Gestaltung mitgearbeitet. Anfangs hatte das durchaus kreative Aspekte, aber mit der Zeit wurde immer deutlicher, dass mich dieser Weg innerlich nicht wirklich erfüllt. Parallel dazu entstand ein eigenes Projekt: ein DIY-Blog mit dem Namen „Selbermachen macht glücklich“, der sich um Nachhaltigkeit, Biostoffe, kreatives Arbeiten und unseren großen Garten drehte. Ich habe geschrieben, fotografiert, Kooperationen umgesetzt und unglaublich viel Energie hineingegeben – und genau dort begann sich etwas zu zeigen, das ich erst viel später durch Human Design wirklich verstanden habe.
Ich wusste nicht, wann genug genug ist. Als Projektorin hatte ich meine eigenen energetischen Grenzen völlig übersehen. Neben Kindern, Familienleben, Mitarbeit im Unternehmen und all den Aufgaben im Alltag lief dieser Blog wie eine zusätzliche Vollzeitwelt nebenher, und obwohl mich vieles daran begeistert hat, war es gleichzeitig ein permanentes Beschäftigtsein, das mich langsam aushöhlte. Heute erkenne ich darin sehr deutlich meine damalige Suche nach Anerkennung, Wertschätzung und Gesehenwerden – dieses Gefühl, durch Leistung und Sichtbarkeit einen Wert erzeugen zu müssen. Damals konnte ich das noch nicht so benennen. Ich wusste nur, dass ich mich trotz all des Tuns innerlich oft leer und erschöpft gefühlt habe.
Mit der Corona-Zeit wurde im Außen plötzlich vieles stiller und enger, und genau dadurch konnte ich meinen eigenen inneren Zustand nicht mehr so leicht übergehen. Dieses permanente Beschäftigtsein, das viele Jahre mein Leben bestimmt hatte, wurde schonungslos sichtbar – und darunter zeigte sich eine tiefe Erschöpfung, aber auch eine enorme innere Orientierungslosigkeit. Ich entschied mich bewusst genauer hinzuschauen und begann eine tiefenpsychologische Psychoanalyse, die mich über mehrere Jahre begleitete. Rückblickend war das für mich kein Reparieren, sondern eher ein langsames Sichtbarwerden von Dingen, die schon lange in mir gearbeitet haben – ein Aufräumen des inneren Kellers, wie ich es heute manchmal nenne.
Achtsamkeit als erster Wendepunkt
Etwa zur gleichen Zeit begann die MBSR-Lehrerausbildung – und anfangs hat mir dieser Schritt große Angst gemacht. Ich hatte durch die Jahre außerhalb der Wissenschaft und durch das Verlieren meiner alten beruflichen Identität unglaublich viel Selbstvertrauen eingebüßt und wusste oft gar nicht mehr, was ich eigentlich wirklich kann oder wer ich ohne all diese Rollen bin. Und trotzdem habe ich diesen Schritt gewagt.
Die MBSR-Ausbildung hat mir nicht nur ein Werkzeug gegeben, das ich weitergeben kann – sie hat mir vor allem gezeigt, was Achtsamkeit im tiefsten Sinne bedeutet. Nicht als Entspannungstechnik, sondern als eine grundlegende Haltung gegenüber dem eigenen Erleben. Diese Haltung des Innehaltens, des Wahrnehmens ohne sofortiges Bewerten, hat mich auf meinem ganzen weiteren Weg begleitet, und rückblickend war sie wahrscheinlich auch die Voraussetzung dafür, dass ich Human Design überhaupt so tief aufnehmen konnte. Denn beides lädt letztlich zu derselben inneren Bewegung ein: hinschauen, was wirklich da ist – jenseits von Rollen, Erwartungen und alten Mustern.
Nicht, weil plötzlich alles klar gewesen wäre, sondern weil dort zum ersten Mal ein Raum entstanden ist, in dem ich mich selbst anders beobachten konnte. Ich habe dort Menschen kennengelernt, die mich tief berührt und begleitet haben – und gleichzeitig wurde immer deutlicher, dass mein damaliges Familiensystem für mich innerlich nicht mehr funktioniert hat. Mit der Trennung von meinem damaligen Mann veränderte sich mein Leben dann noch einmal grundlegend, die Mitarbeit im Familienunternehmen fiel weg, und ich hatte das Gefühl, beruflich und persönlich noch einmal ganz von vorne beginnen zu müssen. Mitten in diesem Umbruch begann ich eigene Kurse von zu Hause aus anzubieten – ich räumte damals sogar unser Wohnzimmer aus und gestaltete daraus einen Raum für Yoga und Achtsamkeit. Das war nicht leicht und stieß im Umfeld durchaus auf Widerstände, und gleichzeitig war es das erste Mal, dass ich wirklich begann, mir meinen eigenen Raum aufzubauen.
So wertvoll Achtsamkeit, Meditation und Yoga für mich waren, hatte ich trotzdem immer stärker das Gefühl, dass auch dort etwas fehlte. Heute würde ich sagen: die Individualität. Viele dieser Systeme arbeiten mit Ansätzen, die für möglichst viele Menschen gelten sollen – und genau dort begann ich innerlich zu spüren, dass Menschen eben nicht alle gleich funktionieren, dass nicht jeder Zugang für jeden Menschen stimmig ist.
Human Design als Schlüssel
Über meine erste Analyse habe ich bereits in einem früheren Journal-Beitrag geschrieben – und rückblickend war mir vom ersten Moment an klar: Das ist der Schlüssel. Es war dieses Gefühl von tiefem Gesehenwerden, als würde plötzlich etwas einrasten, als würde jemand einen Namen für etwas geben, das ich schon immer gespürt, aber nie wirklich in Worte fassen konnte.
Noch während der MBSR- und Yoga-Ausbildungen bin ich unmittelbar nach der Analyse tiefer eingestiegen – habe den Living Your Design und die Grundlagenkurse besucht, mich im Mentoring begleiten lassen und mich für die Analytiker-Ausbildung bei Peter Schöber angemeldet. Auch das hat wieder einige Ängste ausgelöst, denn Human Design ist kein kurzer Wochenendkurs, sondern ein kostenintensiver mehrjähriger Ausbildungs- und Erfahrungsweg – allein die professionelle Ausbildung erstreckt sich über mindestens vier Jahre. Es fühlte sich an, als würde ich noch einmal ein vollkommen neues Studium beginnen, ohne zu wissen, wohin es mich wirklich führen würde.
Wahrscheinlich war es die erste Investition in meinem Leben, die sich im Verstand wie ein unvorhersehbares Risiko angefühlt hat – und im Körper wie ein klares inneres Ja. Und bis heute ist Human Design der tiefgreifendste Prozess von Dekonditionierung und Selbsterkenntnis, den ich bisher erleben durfte. Natürlich gab es auch Zweifel, vor allem durch meinen wissenschaftlichen Hintergrund – ich wusste nicht, ob Human Design in der Gesellschaft jemals wirklich anerkannt sein würde, ob ich damit sichtbar sein darf, ob es mich tragen kann. Gerade weil ich aus einer Welt kam, in der alles wissenschaftlich belegt, abgesichert und legitimiert sein musste.
Vielleicht waren es genau diese Zweifel, die mich parallel zur Human Design Ausbildung noch in zwei Coaching-Ausbildungen geführt haben. Vieles davon war wertvoll und wichtig für meinen Weg – und gleichzeitig habe ich immer deutlicher gespürt, dass mich Human Design auf einer tieferen Ebene erreicht als all diese Konzepte davor, gerade weil es keine einfachen Antworten liefert, sondern einlädt, das eigene Sein bewertungsfrei wahrzunehmen und anschließend zu leben.
Einer der wichtigsten Prozesse auf meinem Weg war deshalb, langsam zu beginnen, meinem eigenen inneren Erleben mehr zu vertrauen als dem, was von außen legitimiert wird – nicht gegen Wissenschaft, nicht gegen Psychologie, nicht gegen Coaching oder Therapie, sondern das Erkennen, dass keiner dieser Ansätze den Menschen in seiner Individualität wirklich vollständig erfassen kann.
Heute verstehe ich meinen Weg nicht mehr als eine Aneinanderreihung von Umwegen, sondern eher wie verschiedene Puzzleteile, die sich langsam zusammengesetzt haben – Wissenschaft, Achtsamkeit, Erschöpfung, Selbstständigkeit, Sinnsuche, Human Design. Was mich dabei heute am meisten fasziniert, ist wie sehr sich Achtsamkeit und Human Design gegenseitig ergänzen: Achtsamkeit schult die Fähigkeit innezuhalten und wahrzunehmen, Human Design gibt dieser Wahrnehmung einen Rahmen und hilft zu verstehen, warum ich so fühle wie ich fühle, warum ich bestimmte Entscheidungen brauche und warum manche Situationen mich erschöpfen, während andere mich nähren.
Zusammen sind sie für mich keine zwei getrennten Wege, sondern zwei Seiten derselben Einladung: tiefer in Kontakt mit dem eigenen Erleben zu kommen. Und genau das ist auch etwas, das ich in meiner Arbeit weitergebe – dass nicht jeder Weg geradlinig sein muss, um stimmig zu sein, und dass manchmal besonders die Phasen, die sich wie Orientierungslosigkeit anfühlen, den Nährboden für neues Wachstum vorbereiten.
Ein achtsamer Moment für dich
Vielleicht magst du dir einen Moment Zeit nehmen und für dich nachspüren:
- Welche Erfahrungen in deinem Leben haben dich vielleicht mehr vorbereitet, als du damals erkennen konntest?
- Wo versuchst du noch, deinem Weg eine äußere Legitimation zu geben, obwohl du innerlich längst spürst, was stimmig ist?
- Und was verändert sich, wenn du beginnst, auch den Umwegen einen Sinn zuzugestehen?

