Je länger ich mich mit Human Design beschäftige und je mehr ich beginne, meine eigene Körpergrafik wirklich im Alltag zu beobachten, desto deutlicher wird mir, dass Dekonditionierung oft ganz anders aussieht, als ich es mir früher vorgestellt hatte.

Im Human Design beschreibt Dekonditionierung den Prozess, sich nach und nach von alten Mustern, Anpassungen und übernommenen Erwartungen zu lösen. Also von all dem, was wir gelernt haben darüber, wie wir sein sollten, funktionieren sollten oder was angeblich „richtig“ ist. Und genau dieser Prozess fühlt sich oft viel weniger geradlinig an, als man vielleicht denkt. Denn nur weil wir unser Design kennen, verschwinden alte Muster nicht einfach sofort. Oft werden sie sogar erst wirklich sichtbar.

Besonders spannend wird es für mich dort, wo unterschiedliche Bereiche im eigenen Design gleichzeitig spürbar. Genau solche Situationen zeigen mir immer wieder, wie vielschichtig Human Design im tatsächlichen Alltag ist – weit entfernt von einfachen Antworten oder schnellen Lösungen.

Ein leises ungutes Gefühl

Vor einigen Tagen hatte ich genau so eine Erfahrung. Ich war für einen Aufstellungstag angemeldet, auf den ich mich sehr gefreut hatte. Systemische Aufstellungen begleiten mich schon seit vielen Jahren in meinen eigenen Prozessen und waren gerade in intensiven Veränderungsphasen immer wieder unglaublich unterstützend.

Diesmal kam zusätzlich noch dazu, dass es darum ging, Aufstellungsarbeit mit Human Design zu verbinden. Es ging also nicht nur um persönliche Selbsterfahrung, sondern auch um Austausch, Begegnung und mögliche gemeinsame Perspektiven. Auf emotionaler Ebene war deshalb sehr viel Vorfreude da. Ein klares Gefühl von Resonanz. Dieses innere „Ja, dort möchte ich hin“. Ich wollte teilnehmen, Erfahrungen sammeln und mich auch selbst einbringen.

Und gleichzeitig war da von Anfang an noch etwas anderes. Ein leises ungutes Gefühl, das immer wieder auftauchte. Nicht laut. Nicht dramatisch. Eher wie eine feine Spannung im Hintergrund, die sich nicht wirklich beruhigen ließ.

Der Weg der Dekonditionierung im Human Design Dr. Birgit Greiner - Frau auf der Strasse von hinten

Dekonditionierung bedeutet den Widerspruch zu spüren

Die äußeren Rahmenbedingungen für diesen Tag waren eigentlich relativ unspektakulär. Der Veranstaltungsort lag ungefähr zwei Stunden entfernt, viel davon Autobahnfahrt und öffentlich kaum erreichbar. Für mich bedeutete das, mit meinem älteren gebrauchten E-Auto dorthin fahren zu müssen.

Genau dort begann der innere Konflikt.

Seit ich dieses Auto habe, nutze ich es fast ausschließlich regional und auf kürzeren Strecken. Nicht aus Rationalität, sondern weil mein Körper dort ein Gefühl von Sicherheit empfindet. Gleichzeitig gab es relativ früh eine Erfahrung, die sich offensichtlich tief abgespeichert hat. Damals hatte ich mich noch auf die Kilometeranzeige verlassen und während der Fahrt plötzlich bemerkt, dass diese deutlich schneller herunterrechnet als die tatsächlich gefahrenen Kilometer. Ich erinnere mich noch sehr genau an diesen inneren körperlichen Stress, als ich praktisch mit den letzten verbleibenden Kilometern irgendwie wieder zu Hause angekommen bin.

Vielleicht wäre das für manche Menschen einfach eine unangenehme Situation gewesen. Für mein System war es offenbar deutlich mehr.

Seitdem hatte ich jegliche längere Fahrt mit diesem Auto vermieden, da bereits die Vorstellung ein Gefühl von Unsicherheit produziert. Gerade weil dieses ältere Modell nicht mit jeder Ladesäule kompatibel ist, die Ladezeiten lang sind und die tatsächliche Reichweite stark von Geschwindigkeit, Temperatur oder Fahrweise abhängt. Dieses Mal habe ich jedoch versucht, dieses Gefühl rational zu übergehen – aus dem Wunsch heraus, bei dieser Aufstellung dabei zu sein und mich nicht von dieser „Reichweitenangst“ einschränken zu lassen.

Und genau dort wurde plötzlich etwas sehr Spannendes sichtbar. Auf emotionaler Ebene war weiterhin dieses klare Ja zur Erfahrung selbst da. Gleichzeitig war da diese körperliche Nervosität. Im Human Design spricht man hier von innerer Autorität. Damit ist die eigene individuelle Art gemeint, Entscheidungen zu treffen. Bei mir ist das der Solarplexus (Emotionalzentrum), also die emotionale Autorität. Das bedeutet, dass wichtige Entscheidungen für mich Zeit brauchen und nicht impulsiv getroffen werden sollten. Klarheit entsteht oft erst durch das Durchlaufen verschiedener emotionaler Zustände oder „Wellen“.

Interessanterweise habe ich lange versucht, genau dieses Gefühl wegzudrücken. Der Verstand begann sofort zu argumentieren: Das wird schon gehen. Es gibt überall Ladesäulen. Du findest sicher eine Lösung. Andere fahren viel weiter.

Und genau dort wurde für mich spürbar, wie subtil Konditionierung oft funktioniert.

Denn obwohl ich mein eigenes Design inzwischen gut kenne, wollte ein Teil in mir trotzdem „vernünftig“, flexibel und unkompliziert sein. Dahinter lag auch dieses tiefe Bedürfnis, verlässlich zu sein, Zusagen einzuhalten und niemanden zu enttäuschen. Und genau darin liegt ein wichtiger Teil von Dekonditionierung: nicht nur Human Design theoretisch zu verstehen, sondern die eigenen Körpersignale ernst zu nehmen – selbst dann, wenn sie im Außen schwer erklärbar wirken.

Der Körper lässt nicht mit sich diskutieren

Was mich letztlich wirklich gestoppt hat, war die Nacht davor. Ich habe kaum geschlafen. Mein Körper hat Alpträume produziert, ich bin immer wieder hochgeschreckt und am Morgen völlig erschöpft aufgewacht. Nicht einfach nur müde, sondern emotional und körperlich komplett durch den Wind. Und plötzlich war da dieser Moment, in dem ich verstanden habe: So kann ich dort nicht hinfahren.

Nicht nur wegen der Fahrt selbst. Sondern weil mein gesamtes System längst im Alarmzustand war.

Diese Entscheidung war unglaublich unangenehm für mich, denn ich musste kurzfristig absagen. Und genau dort wurde spürbar, wie tief bestimmte Muster tatsächlich sitzen. Diese tiefe Konditionierung, verlässlich sein zu müssen. Zusagen einzuhalten. Sich nicht spontan umentscheiden zu dürfen. Dieses innere „Versprochen ist versprochen“. In meinem Design ist die Willenskraft nicht konstant (offenes Egozentrum) und damit auch nicht dafür da, Versprechen zu machen. Auch eines dieser absoluten Tabus in unserer Gesellschaft, worüber ich an anderer Stelle noch mehr schreiben möchte.

Ich glaube, genau deshalb hat mich diese Situation emotional zunächst viel stärker getroffen als die eigentliche Absage selbst. Denn sie konfrontierte mich unmittelbar mit einem alten Muster: dem Gefühl, andere zu enttäuschen oder nicht „gut genug“ zu sein, wenn ich etwas nicht durchziehe. Und gleichzeitig wusste ich tief in mir: Das Übergehen dieser Körpersignale führt bei mir selten zu etwas Gutem.

Ich habe das in anderen Situationen bereits erlebt. Momente, in denen ich meine Körpersignale ignoriert habe und plötzlich in völlig unangenehmen Situationen gelandet bin. Stau. Stress. Überforderung. Situationen, die sich im Nachhinein oft genau nach diesem ursprünglichen inneren Warnsignal angefühlt haben.

Das Schwierige an solchen intuitiven Wahrnehmungen ist vielleicht gerade, dass sie selten vollständige Erklärungen liefern. Oft ist da einfach nur dieses unmittelbare Gefühl: Nicht sicher. Nicht jetzt. Nicht so.

Und vielleicht macht genau das es manchmal so schwer, dieser Wahrnehmung wirklich zu vertrauen. Vor allem dann, wenn im Außen eigentlich alles machbar oder vernünftig erscheint.

Im Nachhinein wurde mir bewusst, dass genau darin wahrscheinlich einer der unbequemsten Aspekte von Dekonditionierung liegt: der eigenen inneren Wahrnehmung Zeit zu lassen und treu zu bleiben, auch dann, wenn sie im Außen Irritation oder Missverständnisse auslösen könnte. Denn natürlich hinterlassen solche Entscheidungen manchmal einen Beigeschmack. Vielleicht auch bei anderen Menschen. Gerade wenn man selbst sehr stark darauf geprägt wurde, zuverlässig und anpassungsfähig zu sein.

Und trotzdem weiß ich inzwischen, dass es bei Human Design nicht darum geht, immer die bequemste Entscheidung zu treffen. Sondern vielmehr diejenige, die sich auf einer tieferen Ebene stimmig anfühlt — selbst dann, wenn sie kurzfristig Widerstand auslöst. Heute fühlt sich diese Erfahrung für mich deshalb weniger wie ein „Versagen“ an, sondern eher wie eine sehr konkrete Beobachtung meines eigenen Systems.

Im letzten Journal-Beitrag über das Gleitschirmfliegen habe ich beschrieben, wie es sich anfühlt, trotz Angst loszulaufen und darauf zu vertrauen, dass etwas trägt. Rückblickend erkenne ich, dass man vieles erst durch die tatsächliche Erfahrung wirklich unterscheiden lernt.

Und genau das kann Dekonditionierung im Alltag bedeuten: langsam zu lernen, die eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen, ohne sie sofort vom Verstand oder von alten Anpassungsmustern überlagern zu lassen.

Ein achtsamer Moment für dich

Vielleicht magst du dir einen Moment Zeit nehmen und für dich nachspüren:

  • Wo versuchst du vielleicht noch, innere Warnsignale rational wegzuerklären?
  • Welche Entscheidungen fühlen sich im Außen vernünftig an, während dein Körper gleichzeitig angespannt reagiert?
  • Und woran könntest du erkennen, dass deine eigene Wahrnehmung manchmal wichtiger ist als das Bedürfnis, für andere nachvollziehbar zu wirken?

Eine Einladung an Dich

Wenn du dich in diesen Themen wiederfindest, kann ein persönlicher Blick hilfreich sein. Oft reicht schon ein ruhiger, achtsamer Raum, um Zusammenhänge klarer zu sehen und sich selbst besser zu verstehen. In meiner Arbeit geht es nicht darum, etwas vorzugeben – sondern gemeinsam hinzuschauen, was sich für dich stimmig anfühlt. Wenn du magst, kannst du hier einen ersten Termin wählen oder in einem unverbindlichen Gespräch für dich prüfen, ob das gerade passt.

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